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BR-Lebenslinien zeigt wie unsere Arbeit und die Kinderhilfe Afghanistan sich über lange Jahre hinweg zu dem entwickelten, was wir heute sind. (45 Minuten)

Dr. Reinhard Erös

Tee mit dem Teufel
Als deutscher Militärarzt in Afghanistan

Neujahrsmorgen 2002. Ein strahlend blauer Himmel begrüßt uns am Grenzübergang Torkham. Es ist dieses kräftige dunkle und doch strahlende Blau, wie ich es nur aus Afghanistan kenne. Als der Herrgott die Welt erschuf und sich entscheiden musste, wo er den Lapislazuli, diesen schönsten aller Halbedelsteine, vergraben sollte, hatte er keine andere Wahl: Afghanistan, das Land mit dem blauesten aller Himmel.
Zwei nagelneue, japanische Pick-Up`s rasen auf uns zu, eine staubige Wolke zieht hinter ihnen her. Ein Dutzend schwer bewaffneter junger Männer mit langen Haaren, bartlosen und grimmigen Gesichtern springen von der Ladefläche und kommen näher. Ich zähle zehn Kalashnikow-Maschinenpistolen und zwei Panzerfäuste in ihren Händen. Für einen unbeteiligten Zuschauer würde die Szene bedrohlich wirken, doch nicht für mich und schon gar nicht für meinen Freund und Begleiter Alem. Es sind nämlich seine Männer. Sie sind unsere bewaffnete Begleitung auf unserer weiteren Reise. Jetzt haben sie uns erkannt; denn ihr grimmiger Gesichtsausdruck schlägt plötzlich in Lachen und Freude um.
„Wie geht es Euch, wie war die Fahrt ?“ Minutenlanges Umarmen statt Händeschütteln, offener Blick, ehrliche Freude. Ich bin wieder zu Hause - in meinem Afghanistan.

Dieses Mal ist es aber ein ganz anderes Gefühl, das mich befällt; denn es ist ein anderes Afghanistan, in das ich heute, zu Beginn eines neuen Jahres, einreise. Ein Afghanistan ohne sowjetische Besatzungstruppen, ohne Bürgerkrieg und ohne Taliban-Regime. Ich habe heute ein Land betreten, welches erstmals seit über zwanzig Jahren wieder berechtigte Hoffnung schöpft, Frieden zu finden.
Die auch körperlich spürbare freudige Hoffnung in den Gesichtern der jungen Männer und aller Menschen um uns herum springt wie ein Funke auf mich über. Ein unbeschreibliches
Gefühl von Glück und Vorfreude. Denn ich komme ja nicht als Besucher, Tourist oder Journalist zu diesen wunderbaren Menschen, sondern als einer, der am Aufbau dieses kaum
vorstellbar zerstörten und geschundenen Landes mithelfen will.

Einige Meter hinter dem stählernen Grenztor erkenne ich die Zollstation und – ich traue meinen Augen nicht - auch den Zöllner wieder. Vor mir steht derselbe kleinwüchsige, verschmitzt, aber durchaus freundlich grinsende, afghanische „Beamte“, der mir noch vor wenigen Wochen, damals mit langem Bart und Turban auf dem geschorenen Kopf, als Taliban-Zöllner ein Taliban-Visum ausgestellt hatte. Jetzt ist der Bart ab, die Kopfhaare sind gewachsen, und der Turban ist durch ein Pakoll, die unter den Taliban verpönte, typische afghanische, filzige Rundmütze, ersetzt. Voller Stolz erkennt auch er mich wieder. Er bietet mir, wie schon bei meinem letzten Besuch noch zu Talibans Zeiten, eine Tasse mit Kardamon gewürzten TschinTschai (grüner Tee), das afghanische Nationalgetränk, an.
Ahmed, der Zöllner, sprudelt geradezu über vor Freude, als er mir erklärt, wie glücklich er jetzt, nach der Niederlage der Taliban, sei, als „Chef“ der Grenzabteilung eines freien
Afghanistans ausländische Gäste in seiner Heimat begrüßen zu dürfen. Und ganz besonders stolz sei er, heute erstmals einem „Alman“, einem Deutschen, ein Visum ausstellen zu dürfen.Welcher Zollbeamte in der sogenannten zivilisierten Welt begrüßt so gastlich einen ausländischen Besucher?
Afghanistan, jetzt spätestens erkenne ich dich wieder.

Wir fahren los. Eine abenteuerliche Fahrt auf einer abenteuerlich schlechten Strasse nach Jalalabad, der Hauptstadt der ostafghanischen Provinz Nangahar, beginnt. Schon wenige Kilometer hinter der Grenze ragen graubraune Ruinen rechts und links aus dem Gelb der Steinwüste. Menschenleere Dörfer säumen unseren Weg. Zerstörte Lehmhäuser, so weit das Auge reicht. Ich bilde mir ein, noch den Geruch verbrannter Erde zu riechen und Rauch aus den bizarren Gebilden aufsteigen zu sehen. Verbrannte Erde zu hinterlassen, das war das Ziel jahrelanger Luftschläge der sowjetischen Besatzungstruppen.

Die G.T Road, die Great Trunk Straße aus dem 19.Jahrhundert, durchzieht Afghanistan von Ost nach West. Sie verbindet das ehemals britisch-indische Kolonialreich mit Europa und reicht bis Istanbul. Während der zehnjährigen Sowjetherrschaft
in Afghanistan von 1979 bis 1989 hatte die G.T.Road eine Schlüsselfunktion bei den militärischen Landoperationen im Osten des Landes. Damit die sowjetischen Militärkonvois
ungestört die Strecke Kabul - Jalalabad – pakistanische Grenze passieren konnten, mussten die Dörfer längs der Strasse zerstört und unbewohnbar gemacht werden. Zu oft waren die sowjetischen Truppen aus den Dörfern beschossen worden oder in Hinterhalte geraten.
Auch heute kann man diese Ruinen und ehemaligen Dörfer nicht gefahrlos betreten. Tausende von sowjetischen Landminen und Blindgängern warten unter Steinen und Sand auf Opfer. Dreizehn Jahre nach dem Abzug der Besatzungstruppen. „The war is not over when the shooting stops“, ein grauenvoll wahrer Satz. Sogenannte moderne Krieg sind eben noch lange nicht vorbei, wenn das Schießen zu Ende ist.

Da tauchen plötzlich abseits der Strasse Zelte auf. Bei näherer Betrachtung sind es keine richtigen Zelte, sondern Hunderte von blauen Plastikhütten mit der Aufschrift „UNHCR“. Ein Flüchtlingslager für sogenannte IDP – internal displaced persons - wie der UN-Jargon Flüchtlinge im eigenen Land benennt. Und zwischen den Zelten herrscht reges menschliches Leben. Ich bitte unseren Fahrer anzuhalten. Kaum habe ich den Pick-Up verlassen, rennen Kinder auf uns zu. Barfüßig und in zerlumpten Hemdchen und Hosen, viel zu dünn der Stoff für den Winter, umringen uns im Nu zwei, drei Dutzend dieser erbärmlich anzuschauenden Gestalten. In jedem anderen Land der Dritten Welt würde man jetzt bettelnde Arme und flehende Blicke erwarten. Nicht so in Afghanistan.

Durch die verschmutzten, schmalen Gesichter strahlt mir ein Lachen entgegen, das zunächst unwirklich und fehl am Platz erscheint. Armut ist nicht überall auf der Welt die zwingende Voraussetzung für „Asozialität und Kriminalität“. Mir kommt ein Buch des französischen Schriftstellers Dominique Lapierre in den Sinn. In „Stadt der Freude“ beschreibt er seinen Aufenthalt im ärmsten und dichtbevölkertsten Viertel Kalkuttas. „In dieser Hölle“, so Lapierre, „ habe ich mehr Liebe, mehr Anteilnahme und letztendlich mehr Glück gefunden, als in den Nobelgegenden der reichen Städte des Okzidents“ .

Armut, Hunger und Elend haben aus diesen afghanischen Flüchtlingskindern weder Bettler noch gar kleine Gauner oder Diebe gemacht. Sie freuen sich einfach über den Besuch eines „Farangi“, eines Fremden und Ausländers in ihrem zu Hause, und zeigen mir stolz ein altes, schrottreifes Fahrrad. Zu dritt setzen sie sich auf das klapprige Gestell und umkreisen mich unter dem Beifall ihrer Spielkameraden. Dann gesellen sich Erwachsene, natürlich ausschließlich Männer, zu uns. Auch ihnen sieht man die Armut sofort an. Ihr Shalwar Kamiz, das knielange Hemd mit den weiten Pluderhosen darunter, ist zerschlissen und verschmutzt. Man ahnt die dünnen Beine und Arme. Aus den hageren, ausgemergelten Gesichtern grüßt uns ein offenes, freundliches „Salam Aleikum“. Sie laden uns auf einen Tee ein. Ich frage Alem, meinen Begleiter, ob wir denn die Einladung dieser armen Menschen annehmen können. Wir setzen uns zu ihnen, trinken Tee und hören zu:

Es sind Bauern aus dem Norden. Wie viele sie sind, wissen sie nicht genau, etwa 2000 Familien. Auch das ist typisch für die Welt der Afghanen: nicht die Kopfstärke eines Dorfes ist wichtig oder entscheidend, sondern die Zahl der Familien. Vor anderthalb Jahren haben sie ihre Dörfer verlassen, nicht der Taliban wegen - diese haben sie in ihren Dörfern nur selten zu Gesicht bekommen. Und wenn einmal Taliban auftauchten, dann haben der Malik (Bürgermeister) und der Mullha (der von den Dorfbewohnern gewählte und bezahlte Islamlehrer) die Dinge schon geregelt. Und die „Araber“, wie sie die Al Qaida nennen, haben sie vor mehr als zehn Jahren zum letzten Mal während des „Jihad“, des Heiligen Krieges gegen die „Shurawi“, die gottlosen kommunistischen Sowjets, in den Bergen gesehen. Nein, weder die Taliban noch die Araber haben sie vertrieben; es war der Hunger.

Die jahrelange Dürre hat ihre Felder ausgetrocknet, die Ernten bleiben seit drei Jahren aus. Um nicht zu verhungern, mussten sie weg aus ihrer Heimat und wollten nach Pakistan fliehen; doch die Grenzen waren geschlossen. Seither haben sie immer wieder versucht, nach Pakistan zu gelangen – vergeblich. Die Grenzübergänge sind noch immer geschlossen, und seit dem „Krieg der Amerikaner“, wie sie den Kampf der Antiterror -allianz gegen Al Qaida und gegen die Taliban nennen, versper -ren pakistanische Truppen auch die beschwerlichen und gefährlichen Fluchtwege über die Berge. Dreimal die Woche kommt ein Tankwagen ins Lager und versorgt sie mit Trinkwasser, denn Wasser ist Mangelware in dieser Steinwüste. Und regelmäßig erhalten sie von einer UN-Organisation Bohnen, Brot, Speiseöl, Tee, Zucker und Kerosin für ihre Öfchen. Verhungern müssen sie nicht.
Die Saudis haben vor einem Jahr auch eine Moschee und eine „Madrassa“ (Koranschule für Buben) im Lager gebaut. Der Mullha wird von den Saudis bezahlt und unterrichtet ausschließlich den Koran. Eine Schule für Mädchen gibt es nicht. Aber auch in ihren Dörfern zu Hause im Norden haben nur wenige Mädchen eine Schule besucht.

Wenn jemand krank wird, müssen sie ihn nach Jalalabad ins Krankenhaus transportieren. Das kostet Geld, und Afghanis (die afghanische Währung) oder pakistanische Rupies besitzen sie kaum. Bezahlte Arbeit gibt es im Lager natürlich auch nicht. So verkaufen sie auf den Basaren in den nahen Dörfern Teppiche und den Schmuck ihrer Frauen, die sie aus ihren Dörfern mitgebracht haben. Nur unregelmäßig kommt ein Arzt ins Lager. Und auch diesen Arzt müssen sie bezahlen und Medizin gibt es nur in Jalalabad. Die Medikamente auf den Basaren in Jalalabad sind schlecht und teuer. In Pakistan – wissen sie – gibt es in den Flüchtlingslagern kostenlose ärztliche Versorgung und sehr gute Medizin durch ausländische Hilfsorganisationen. Wegen des Winters, der hier im tief gelegenen Nangahar allerdings milder als bei ihnen zuhause im Norden ist, und wegen der kalten, nicht beheizbaren Zelte leiden jetzt viele Kinder und Frauen an Lungenentzündungen und auch Erfrierungen.

Gott sei dank liegt in dieser Gegend kein Schnee. Denn keines der Kinder um uns herum trägt Schuhe oder Winterbekleidung. Und auch die Männerfüße stecken nur in offenen Plastik -sandalen.
Ich könnte den Menschen hier noch stundenlang zuhören, wie sie klaglos ihr Schicksal schildern, ohne zu fordern oder mit Gott und der Welt zu hadern. Aber die Zeit drängt, wir müssen weiter. Es wäre ein unentschuldbarer Verstoß gegen die afghanische Gastfreundschaft und fast frevelhaft, unseren Gastgebern jetzt Geld oder ein Geschenk zu hinterlassen.

„Malmestia“, die Gastfreundschaft, zeichnet die Afghanen unter allen Völkern in ganz besonderer Weise aus. Hier, unter Paschtunen, ist sie auch wesentlicher Bestandteil ihres Werte- und Ehrenkodex, des „Paschtunwali“. Und dieser Kodex fordert, dass Gastfreundschaft nie bezahlt oder auf andere Weise ausgeglichen werden darf.

Wenn Sie weiter lesen möchten, können Sie auch hier das Buch bestellen.           
 

 


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